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Ewige Überredungskünstler

In meinem privaten Fundus habe ich vor ein paar Tagen einige beachtliche Sätze zum Thema Digitalisierung in einem beachtlichen gesellschaftspolitischen Buch gefunden. Dort heißt es:

"Wie werden die vom "digitalen Kapitalismus" geprägten Gesellschaften aussehen? Darüber tobt eine schrille, interessengeleitete Debatte mit hysterischen Untertönen. Ein Basar: die dünnen Stimmen der Vernunft werden von wildentschlossen Überredungskünstlern mühelos übertönt. Drei Gruppen bestimmen das Bild: Hochrechner, Gesundbeter und Grölbacken."

Der Text stammt von Peter Glotz und ist aus dem Jahre 1999! Peter Glotz war zu dieser Zeit der Gründungsrektor der Universität Erfurt. Vorher bekleidete Glotz verschiedene bundespolitische Ämter und er war jahrelang der Bundesgeschäftsführer der SPD.

Die Diskussion über die Entwicklung der Digitalisierung und über die Veränderung von Markt und Gesellschaft ist also bei weitem keine Erscheinung unserer Tage, sie ist schlappe zwanzig Jahre alt.  Die von Glotz ausgemachten Gruppen und Strömungen finden wir auch heute noch vor. Glotz hat die Gruppen weiter beschrieben:

"Die Hochrechner neigen dazu, monatlich neue fantastische Zahlen über die digitale Entwicklung in die Welt zu setzen. Sie schließen aus der Hochrechnung der Steigerung der Rechnergeschwindigkeit darauf, dass die Roboter die Menschen irgendwann in Rente schicken werden."

Diese "Hochrechner" wie Glotz sie damals nannte, sind auch in unserer heutigen Diskussion mitunter tonangebend, allen voran ist hier sicher die " Oxford-Studie“, von Carl Benedikt Frey und Michael Osborne zu nennen. Deren Untersuchungen führen dann zu Schlagzeilen wie: "Job-Hammer: Roboter ersetzen die Hälfte der deutschen Arbeitsplätze". 

Die nächste Gruppe war die Gruppe der "Gesundbeter". Noch mal Glotz: "Die Gesundbeter verwechseln Realismus mit Defätismus und halten Prognosen über Arbeitsplatzverluste für das Ergebnis technikfeindlicher Weltverschwörung."

Wer denkt bei diesen Sätzen nicht sofort an die heutigen, vielfachen Stellungnahmen aus Arbeitgeberverbänden, Technikinstituten und einschlägigen Forschungsverbünden. Hier gibt es nur die schöne neue Arbeitswelt und keine Spur von kritischer Folgebetrachtung. 

Dann kommen wir zur letzten Gruppe der "Grölbacken". "Die Grölbacken wiederum zeichnen sich dadurch aus, dass sie stolz die Backen aufblasen und davon reden, es nicht zuzulassen, dass Arbeitsplätze durch technologische Entwicklungen überflüssig gemacht werden."

Was soll ich sagen, natürlich sind auch die "Grölbacken" nicht ausgestorben. Wir finden sie allerdings eher in Talkshows und auf Marktplätzen und weniger in Studien und Fachdiskussionen. 

Damals wie heute verbindet diese drei Gruppen ein gemeinsames Problem. Sie sind nicht wirklich in der Lage die Entwicklung, die sich vor ihren Augen abspielt im Kern zu analysieren und die Auswirkungen auf die Gesellschaft der Zukunft zu definieren. Deshalb wählte Glotz die Formulierung von den "wildentschlossenen Überredungskünstlern". In der Tat geht es allen drei Gruppen offenbar nur darum, den jeweils anderen von seiner unumstößlichen Wahrheit zu überreden. Jedoch diese Wahrheit gibt es überhaupt nicht. Wie die technische Veränderungen, in welcher Form, in welcher Geschwindigkeit und in welcher Nachhaltigkeit auf Arbeit und Gesellschaft wirken, kann man nicht vorhersagen. Von heutigen Zukunftsforschern wissen wir, es geht nicht darum die Zukunft vorherzusagen, sondern mögliche Zukunftsszenarien in der heutigen Welt zu adaptieren, in die Marktstrategie, in die Produktentwicklung und im Marketing einzubeziehen. Aus der Summe der erfolgten oder eben nicht erfolgten Adaptionen entsteht dann reale Zukunft. 

Warum sprach Glotz bereits 1999 vom "digitalen Kapitalismus"? Er tat es deshalb, weil er die technischen Entwicklungen, die damals bereits existierten und absehbar waren in ihren Grundsätzlichen Auswirkungen auf die Gesellschaft einschätzte und in seine Analyse adaptierte. 

Er schrieb: "Meine Grundthese läuft darauf hinaus, dass die "digitale Technologie", ein Komplex unterschiedlicher Techniken und Apparaturen zu einer neuen Entwicklungsphase marktwirtschaftlicher Ordnung führen wird. Ich nenne diese Formation "digitalen Kapitalismus". Diese neue Wirtschaftsordnung erzwingt eine beschleunigte Gesellschaft, die den Lebensrhythmus der Mehrheit radikal verändern wird. Die neuen Kommunikationsverhältnisse, derzeit symbolisiert durch den Prototyp Internet, werden die Wirklichkeit des Menschen stärker verändern als die seriösen  Beobachter heute glauben, aber nicht so schnell, wie die meisten behaupten. Die Digitalisierung und Vernetzung macht die Menschen die die Techniken intelligent nutzen, orts- und zeitunabhängiger, beweglicher, schneller, autarker, aber auch stärker auf sich gestellt. Das bedeutet mehr Freiheit, aber auch mehr Risiko. Ein neuer Mensch entsteht nicht, aber Orts- und Zeitgefühl, Geistesgegenwart, Geduld und Beweglichkeit werden sich verändern. Und weil sich nicht alle Menschen auf die neuen Medien einlassen dürfen und werden, wird es Kulturkämpfe geben." 

Glotz nimmt keine Ergebnisprognose, keine Setzung für die Zukunft vor. Er skizziert einen Rahmen, der die weitere Arbeit und Analysen strukturiert und orientiert und er weiß, dass jeder Entwicklungsschritt umstritten, gar umkämpft sein wird. Leider ist diese Übung in vielen Diskussionen heute etwas aus der Mode gekommen.