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Zurück in die Zukunft?

Wahrscheinlich gibt es derzeit etliche Personalleiter, Geschäftsführer, Arbeitnehmer, Gewerkschafter und Berufsberater mit einem ähnlichen Wunsch. Alle hätten gerne eine Glaskugel, eine Zeitmaschine oder gar den berühmten DeLorean DMC 12 aus der SF-Filmkomödie "Zurück in die Zukunft" zur Verfügung. Sie alle suchen nach einer Antwort auf die Frage, ob Computer, Roboter und Algorithmen traditionelle Berufe in der Zukunft nicht nur verändern, sondern vollständig verschwinden lassen.

Statt eines DeLorean DMC 12 bleiben den Suchenden aber nur komplizierte und wohl auch fragwürdige wissenschaftliche Studien, zur Ausleuchtung der Zukunft. Die Welle dieser Studien haben die US-Wissenschaftler Frey und Osborne angestoßen. Mit ihrer Prognose, das rund 47% von 702 Berufen in den USA durch die Digitalisierung und künstliche Intelligenz wegfallen würden, war das Sirenengeheul nicht mehr abzuschalten. Es wurde lauter, schriller und hat viele der besagten Personalleiter und Gewerkschafter nachhaltig aufgeschreckt. 

Natürlich darf auch ein so renommiertes Beratungsunternehmen wie McKinsey bei dieser Phalanx von Studien nicht fehlen. Bei ihren Berechnungen kommen die Mitarbeiter von McKinsey, hingegen aber weltweit nur auf 5% aller Berufe, die vollständig Ersetzbar sind. McKinsey wählte einen anderen methodischen Ansatz, als es Frey/Osborne in ihrer Pionierstudie taten. Sie analysierten nicht Berufe, sondern Tätigkeiten. Diese Methode ist zwar deutlich näher am realen Kernproblem dran, aber auch diese Methode hat deutliche Grenzen. 

Die Wissenschaftler und Berater analysieren Berufe, Tätigkeiten und Kernfähigkeiten. Sie ordnen diese Kategorien anschließend danach, ob und in welchem Maße diese Merkmale durch digitale Prozesse ersetzt werden können. Aus diesen Erkenntnissen heraus werden die Gesamteffekte auf den kompletten Arbeitsmarkt hochgerechnet.

Alle Studien haben also eines gemein, sie treffen Aussagen zur prinzipiellen technischen Umsetzbarkeit der Computerisierung der Arbeit, aber sie treffen keinerlei Aussagen zur wirtschaftlichen Tragfähigkeit und zur Rentabilität dieser Maßnahmen. Das jedoch zwischen "Machbarkeit" und "Wirtschaftlichkeit" mitunter ein erheblicher Unterschied besteht, wissen wir z.B. aus der Entwicklungsgeschichte der Elektromobilität nur zu gut.

Es gibt noch eine gewisse Pointe bei dieser Art von Studien. Sie arbeiten alle mit branchenübergreifenden Durchschnitten. Nun gehört es aber eigentlich zum Wesensmerkmal der digitalen Revolution, dass die Realität viel präziser und granularer erforscht und verstanden werden kann, als bei der herkömmlichen Durchschnittsbetrachtung. 

Weil wir in der Lage sind große Datenmengen auf höchst individuelle Sachverhalte hin auszuwerten, brauchen wir uns die Welt nicht mehr nur in der Gaußschen Normalverteilung vorzustellen. Mit anderen Worten: Wer die Zukunft mit der Gaußschen Glockenkurve erklären will, läuft Gefahr entscheidende Effekte "vom Rand der Kurve" massiv zu unterschätzen. 

Der mögliche Einwand, die fehlende Wirtschaftlichkeit würde die eigentliche Machbarkeit höchstens verzögern und die Zeitspanne der Substituierung etlicher Berufe zwar verlängern, aber nicht grundsätzlich aushebeln, mag durchaus zutreffen. Aber wir wissen es eben nicht. 

Wir wissen auch nicht, wie die Einführung digitaler Prozesse in den Unternehmen unter wirtschaftlichen Aspekten im Detail aussehen werden. Aber erst im realen unternehmerischen Veränderungsprozess wird sich herausstellen, welche Tätigkeiten nicht mehr gebraucht werden und welche Tätigkeiten nur in einen anderen Prozess verlagert werden. Auf der anderen Seite werden neue Tätigkeiten hinzukommen, die heute gar nicht notwendig sind und auch von niemandem bisher beherrscht werden.

Welche Auswirkung diese "Tätigkeitenwanderung" in den Unternehmen auf die Berufsbilder und auf die Berufsordnung haben wird, ist deshalb heute noch überhaupt nicht zu antizipieren.

Es mangelt in der gesamten Debatte an nachvollziehbaren, konkreten unternehmerischen Praxisbeispielen. Nur aus solchen Beispielen können jedoch belastbare Muster für die berufliche Auswirkungen der Digitalisierung abgeleitet werden. Vielleicht wäre es an der Zeit, ein einschlägiges Projekt für solche unternehmerischen Prototypen in industriellen Kernland NRW zu entwickeln. 

 

 

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