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Geiz und andere Götter

Die öffentliche Diskussion über den jüngsten Börsencrash, über dessen Ursachen und die Tragweite der Krise gehen weiter. Unter den Ökonomen und Fachleuten herrscht keineswegs Einvernehmen darüber. Die Hinweise, dass Computer und Algorithmen die Ursachen für den Crash seien, ist der oberflächliche Versuch, komplexe Phänomene zu erläutern. 

Da scheint mir der Blick auf eine kleine Geschichte aus dem Roman "Sylvie & Bruno" von Lewis Carroll schon lohnenswerter zu sein. Die Geschichte geht so: 

"Nur der Schneider, Herr Professor, mit einer kleinen Rechnung“, meldete eine sanfte Stimme vor der Tür. 

"Ah, gut, seine Sache kann ich schnell erledigen“, sagte der Professor zu den Kindern, „wartet nur eine Minute. Wie viel ist es dieses Jahr, mein Lieber?“ Während er sprach, war der Schneider eingetreten. 

„Wissen Sie, es hat sich im Laufe der Jahre verdoppelt“, entgegnete der Schneider etwas schroff, „und ich glaube, dass ich das Geld nun wirklich haben möchte. Es sind tatsächlich zweitausend Pfund!“

„Oh, das ist gar nichts!“, bemerkte der Professor unbekümmert und fühlte in seine Tasche, als ob er zumindest diesen Betrag immer bei sich hätte. „Aber wollen Sie nicht lieber ein weiteres Jahr warten und dann viertausend berechnen? Überlegen Sie einmal, wie reich Sie sein würden! Sie könnten ein König werden, wenn Sie nur wollten!“

„Ich weiß nicht, ob mir wirklich daran läge, ein König zu sein“, sagte der Mann nachdenklich. „Aber es klingt nach einer großen Menge Geld! Nun, ich denke, ich werde warten.“

„Natürlich werden Sie!“, sagte der Professor. „Ich sehe, Sie haben Verstand. Auf Wiedersehen, mein Guter!“

„Werden Sie ihm jemals diese viertausend Pfund bezahlen müssen?“ fragte Sylvie, nachdem sich die Tür hinter dem Gläubiger geschlossen hatte.

„Niemals, mein Kind!“, antwortete der Professor nachdrücklich. „Er wird es immer wieder verdoppeln lassen, bis er stirbt. Du siehst, es lohnt sich immer, ein weiteres Jahr zu warten, um doppelt so viel Geld zu bekommen!“ 

Die Absurdität dieses kleinen Stückes mag in der Romanform sofort erkennbar sein. Leider finden wir jedoch in der heutigen Wirtschaft täglich solche "Schneiderstücke". Die meisten halten diese sogar für völlig normal. Die Zinseszins-Logik dieses Verfahrens heißt, die Bedeutung einer Handlung permanent in die Zukunft zu verschieben und damit eine Unvergänglichkeit der Dinge vorzutäuschen. 

Wenn wir heute alte Schulden mit neuen Schulden begleichen, wenn Berliner Gründer den Innenarchitekten für das neue Startup-Büro beauftragen, bevor sie ihre Geschäfts-modelle definieren, wenn Menschen Mondsummen für Bitcoins bieten und wenn Investoren Wohnungen kaufen, Mieten einnehmen und nichts in die Bausubstanz und in die Sicherheit eines Gebäudes investieren, dann sehen wir, dass die Geschichte aus "Sylvie & Bruno" leider allgegenwärtig ist. 

Der britische Ökonom John Maynard Keynes nannte dies bereits vor etwa hundert Jahren "widerlich". Er schrieb damals aber auch: "Im Namen der Wirtschaftlichkeit müssen wir uns und allen anderen vormachen, dass das Anständige widerlich und das Widerliche anständig ist, denn das Widerliche ist nützlich, das Anständige ist es nicht. Für eine kleine Weile müssen Geiz, Wucher und Vorsicht noch unsere Götter bleiben."

1928 wagte Keynes die Prognose, dass "...in hundert Jahren der Lebensstandard vier bis achtmal höher sein wird als heute." Keynes Vision war es, dass mit einem ent-sprechend hohen Lebensstandard die wirtschaftliche Knappheitsfrage erledigt sei und die Zeit von Geiz, Wucher und der Liebe zum Geld, des Geldes wegen ebenfalls vorüber sei. 

Knapp hundert Jahre später müssen wir feststellen, der Lebensstandard von heute ist sicher um ein Vielfaches höher als 1928, aber die "Knappheitsfrage" ist nicht erledigt und die Zeit der Spekulation ist nicht vorbei. Ganz im Gegenteil, sie scheint immer wieder neue Blüten zu treiben.