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Marx, Murks und Maschinen

In diesen Tagen und Wochen konnte keine Zeitung zu provinziell, keine Fachzeitschrift zu spezialisiert und kein Blog-Beitrag zu wenig beachtet werden, als das dort nicht doch irgendeine Geschichte über Karl Marx und seinem 200. Geburtstag erschien. Dabei war viel Falsches, viel Radikales und auch viel Murks über Marx zu lesen. Der Beitrag, der aus der Debatte sichtbar positiv heraus stach, kam aus Dortmund. Er wurde von Henrik Müller, Professor für Wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund in seiner Spiegelkolumne unter dem Titel: "Der Kapitalismus geht zugrunde" veröffentlicht. 

Der Beitrag stach deshalb aus der Masse der Veröffentlichungen heraus, weil er sich nicht mit einer historischen Würdigung des Werkes oder der Person begnügte, sondern in die Zukunft schaute und die Frage, was Marx uns für unsere Zeit noch zu sagen hat, in sehr produktiver Weise aufgenommen hat.

Für Henrik Müller ist Karl Marx deshalb interessant, weil es ihm als Ökonom vor allem darum ging, herauszuarbeiten, "welche Mechanismen zu seiner Zeit die Welt veränderten." Genau vor dieser Frage stehen wir im Zeitalter der Digitalisierung heute wieder. Deshalb ist es wichtig, so wie Marx zu seiner Zeit, sich auch heute für die Dimensionen, für die Reichweite und für die Kernursachen der Veränderungen der Welt zu interessieren. 

Während Marx bei der Entstehung des Kapitalismus, die "kolossalen Produktionskräfte" hervorhob und vor allem die Schöpfungskraft des Sachkapitals von der "Maschinerie, die Anwendung der Chemie auf Industrie und Ackerbau, Dampfschiffahrt, Eisenbahnen, elektrische Telegraphen, Urbarmachung ganzer Weltteile, Schiffbarmachung der Flüsse, ganze aus dem Boden hervorgestampfte Bevölkerungen" betonte, geht es bei der neuen Epoche der Digitalisierung um eine "entfesselte Kommunikation", die nun ihrerseits zu einer völlig neuen Produktivkraft wird.

Henrik Müller schreibt: "Ökonomisch betrachtet spielt Kapital heute eine immer geringere Rolle. Die wertvollsten Unternehmen der Welt wie Alphabet und Apple stützen sich nicht mehr vor allem auf physische "Produktionsmittel" (Gebäude, Fabriken, Maschinen), sondern auf immaterielle Werte wie Daten, Information, Wissen, Content, Kreativität, Image. Sie sind viel mehr wert, als sie an Assets in ihren Bilanzen ausweisen. Kapital im klassischen Sinn ist nicht mehr knapp, deshalb ist sein Preis - der Zins, die Rendite - entsprechend niedrig."  

Der britische Ökonom Jonathan Haskel, auf den sich Müller mit seinen Analysen bezieht, sagt dazu: "Wir erleben seit 30 Jahren einen grundlegenden Wandel. Für jeden Euro an sichtbaren Investitionen geben wir in den Industrieländern heute 1,15 Euro für unsichtbare Investitionen aus. Es gibt Investitionen, die Sie sehen und anfassen können: Bürogebäude, Fabriken, Maschinen, Teile. Unsichtbar sind Investitionen in Software, Forschung und Entwicklung, Design, Fortbildung oder Markenpflege." 

Natürlich ist das immer noch Kapitalismus mit Kapital; Haskel stellt klar: "Wenn Ryanair in ein neues Buchungssystem investiert, ist das genauso Kapital wie ein neues Flugzeug. Das eine ist sichtbar, das andere unsichtbar. Wir befinden uns immer noch im Kapitalismus. Nur die Art des Kapitals hat sich verändert."

Nur? Nein, eben nicht "nur", denn mit der Veränderung des Kapitals, mit dem Anwachsen der unsichtbaren Investitionen sind erhebliche Veränderungen für die Form der Akkumulation und der Reichtumsproduktion verbunden. Viele ökonomische Gesetzmäßigkeiten gehen mit dieser Veränderung mal eben "in Rauch auf". 

Das Verhältnis von Sparaufkommen und Investitionen ändert sich genauso, wie der Anteil von Sachkapitalvermögen im Verhältnis zum Umsatz der Unternehmen. Die Messbarkeit und die Geschwindigkeit der Produktivitätsentwicklung verschieben sich und geraten für uns völlig aus den klassischen Bewertungsmaßstäben. Die Finanzierung von unsichtbaren Investitionen folgt anderen Gesetzen als die Finanzierung klassischer, sichtbarer Investitionen. 

Haskel und Müller weisen auch darauf hin, dass neue Preisstrukturen, neue Ungleichheiten und neue Lohndifferenzen entstehen, dass neue Monopole die Dinge bestimmen und dass der Staat ein andere, eine neue Rolle im wirtschaftlichen Zusammenspiel bekommen muss!  

Müller spricht also einen wichtigen Punkt an: Wer wieder über Wirtschaftspolitik in Deutschland sprechen will, kommt nicht weit, wenn er nur über Verteilungsfragen, über Handelsüberschüsse oder über europäische Fiskalpolitik spricht. Es muss über die großen Umbrüche gesprochen werden, um sie fortschrittlich gestalten zu können. Andernfalls droht auch in Deutschland ein Szenario wie es Jonathan Haskel beschreibt: "In der neuen Wirtschaft gewinnen die Menschen, die mit unsichtbarem Kapital Synergien schaffen. Diese Gruppe ist weltoffen, internationalistisch, urban. Wenn die Ungleichheit wächst und diese Gruppe immer mehr Privilegien anhäuft, kann es einen politischen Backlash geben, wie die Wahl von Donald Trump in den USA oder das Brexit-Votum in Großbritannien. Es kann gut passieren, dass wir noch mehr davon sehen werden."